Anleitung · kurbelwellenlager wechseln

Kurbelwellenlager wechseln: Abziehen, Lagerbezeichnung lesen, warm aufziehen

Ein Rasseln aus dem Kurbelgehäuse, ein Motor, der bei warmem Betrieb Falschluft zieht, oder eine Kurbelwelle mit spürbarem Spiel: Dann sind die Hauptlager fällig. Der Wechsel ist die Königsdisziplin am Zweitakter, aber mit dem richtigen Abzieher, etwas Wärme und der passenden Lagerluft gut machbar.

Dieser Ratgeber zeigt, wie du das Lager am Innenring abziehst, ohne die Welle zu beschädigen, wie du die Lagerbezeichnung entschlüsselst, warum Motorlager die Lagerluft C3 brauchen und wie du das neue Lager mit 80 bis 100 Grad Wärme aufziehst. Die Wellendichtringe tauschst du dabei gleich mit.

Wann die Kurbelwellenlager fällig sind

Kurbelwellenlager sind Rillenkugellager, die im Zweitakter nur mit dem Öl aus dem Gemisch geschmiert werden. Sie verschleißen durch Laufleistung, durch Korrosion nach langer Standzeit und durch Schläge, etwa vom Kolbenbolzen-Austreiben mit dem Hammer. Die Symptome:

  • Metallisches Rasseln oder Heulen aus dem Kurbelgehäuse, das mit der Drehzahl ansteigt.
  • Radiales Spiel: Die Kurbelwelle lässt sich am Polrad oder am Kupplungsstumpf spürbar hin- und herbewegen.
  • Raues Gefühl beim Durchdrehen des Motors ohne Zylinder.
  • Undichte Wellendichtringe, weil die Welle im ausgeschlagenen Lager taumelt. Folge: Falschluft, mageres Gemisch, Kerzenbild weiß.

Zum Wechsel muss der Motor gespalten werden. Kupplung, Polrad, Zylinder und Getriebe kommen vorher raus. Welche Abzieher dein Motor dafür braucht, zeigt der Werkzeugfinder.

Lagerbezeichnung entschlüsseln

Auf jedem Kugellager steht eine Bezeichnung, zum Beispiel 6203 C3 oder 6204 2RS C3. Die Zahlen und Buchstaben folgen einer festen Systematik:

Teil der BezeichnungBedeutungBeispiel 6203 C3
Erste ZifferLagerbauart, 6 = Rillenkugellager einreihig6
Zweite ZifferMaßreihe, gibt Breite und Außendurchmesser vor2
Letzte zwei ZiffernBohrungskennzahl, ab 04 mal 5 = Bohrung in mm; 00 = 10, 01 = 12, 02 = 15, 03 = 1703 = 17 mm Bohrung
Nachsetzzeichen 2RS, 2ZBeidseitig Dichtscheibe (RS) oder Deckscheibe (Z)keins = offen
Nachsetzzeichen C3Lagerluft größer als normalC3

Die Bohrungskennzahlen 00 bis 03 stehen für 10, 12, 15 und 17 mm. Ab 04 rechnest du die Kennzahl mal 5. Ein 6205 hat also 25 mm Bohrung. Außendurchmesser und Breite hängen von der Maßreihe ab und stehen in der Kugellager-Tabelle. Wenn du eine Bezeichnung vor dir hast und die Maße wissen willst, nimmst du den Lager-Decoder. Er zerlegt die Nummer in Bauart, Maße, Dichtung und Lagerluft.

Trägt ein altes Lager nur ein Herstellerkürzel, miss Bohrung, Außendurchmesser und Breite mit dem Messschieber. Mit diesen drei Maßen findest du in der Tabelle die Normbezeichnung.

Warum Motorlager die Lagerluft C3 brauchen

Lagerluft ist das Spiel zwischen Kugeln und Laufbahnen im unbelasteten Lager. Normale Lagerluft, ohne Nachsetzzeichen, ist für Anwendungen gedacht, in denen Innen- und Außenring etwa gleich warm werden. Im Zweitaktmotor ist das nicht der Fall.

Die Kurbelwelle nimmt Wärme vom Kolben und von der Reibung im Pleuel auf. Der Innenring wird deutlich wärmer als der Außenring im Gehäuse, das von außen gekühlt wird. Der Innenring dehnt sich stärker aus, und das Spiel im Lager schrumpft. Dazu kommt: Das Lager wird beim Einbau mit Presspassung auf die Welle und ins Gehäuse gesetzt. Beides verkleinert die Lagerluft weiter.

Ein Lager mit normaler Luft läuft unter diesen Bedingungen bei Betriebstemperatur ohne Spiel oder sogar mit Vorspannung. Es wird heiß, die Schmierung reißt ab, und das Lager frisst. Ein C3-Lager hat von Anfang an mehr Spiel und läuft warm genau richtig. Deshalb schreiben die Motorenhersteller für Kurbelwellenlager fast immer C3 vor. Ein leicht spürbares Spiel im neuen, kalten C3-Lager ist normal und kein Mangel.

Achtung

Bau kein Lager mit normaler Lagerluft als Kurbelwellenlager ein, nur weil es dieselben Maße hat. Es läuft bei Betriebstemperatur zu stramm und geht früh kaputt. Prüfe auf dem neuen Lager das Nachsetzzeichen C3.

Lager abziehen: Schritt für Schritt

  1. Motor spalten

    Nach Ausbau von Zylinder, Kolben, Polrad, Kupplung und Getriebe löst du die Gehäuseschrauben über Kreuz. Trenn die Gehäusehälften mit sanften Schlägen des Gummihammers auf die Kurbelwellenstümpfe, nie mit dem Schraubendreher in der Trennfuge. Manche Motoren brauchen eine Trennvorrichtung laut Werkstatthandbuch.

  2. Lagersitz feststellen

    Beim Trennen bleibt das Lager entweder auf der Welle oder im Gehäuse. Ein Lager im Gehäuse treibst du nach dem Erwärmen der Gehäusehälfte mit einem passenden Dorn aus. Ein Lager auf der Welle brauchst den Abzieher.

  3. Abzieher am Innenring ansetzen

    Setz den Kurbelwellenlager-Abzieher so an, dass die Greifer hinter den Innenring fassen. Ein normaler Zweiarm-Abzieher greift am Außenring und überträgt die Kraft über die Kugeln. Das zerstört das Lager, und schlimmer: Es kann den Innenring auf der Welle festbeißen und die Wange beschädigen.

  4. Druckstück zentrieren

    Die Spindel des Abziehers muss mittig auf dem Wellenstumpf sitzen. Ein Zentrierstück oder die Zentrierbohrung der Welle hilft. Schützt du das Gewinde am Wellenstumpf mit der alten Mutter, kann die Spindel nichts verdrücken.

  5. Gleichmäßig abziehen

    Dreh die Spindel langsam, bis das Lager frei ist. Sitzt es fest, erwärm den Innenring mit dem Heißluftfön, nicht die Welle. Kein Hammer, kein Ruck.

  6. Wellenstumpf prüfen

    Der Lagersitz auf der Welle muss glatt und maßhaltig sein. Riefen oder ein mitgedrehter Innenring sind ein Fall für den Fachbetrieb. Auch die Dichtringlaufflächen kontrollierst du auf Einlaufspuren.

Neues Lager warm aufziehen: Schritt für Schritt

Ein Kugellager sitzt mit Presspassung auf der Welle. Schonender als Aufpressen ist das Aufziehen mit Wärme: Der Innenring dehnt sich, das Lager rutscht ohne Kraft auf die Welle und schrumpft beim Abkühlen fest.

  1. Lager erwärmen

    Erwärm das neue Lager auf 80 bis 100 Grad. Das geht auf einer Heizplatte, im Backofen oder in einem Ölbad mit Thermometer. Nicht heißer: Ab etwa 120 Grad leidet das Fett offener Lager, und Dichtscheiben aus Gummi werden beschädigt. Kein offenes Feuer, keine Lötlampe.

  2. Welle vorbereiten

    Lagersitz reinigen und hauchdünn ölen. Die Welle bleibt kalt, sonst dehnt sie sich mit und der Vorteil ist weg. Im Kühlschrank vorgekühlt geht es noch leichter.

  3. Lager aufschieben

    Nimm das Lager mit Handschuhen oder einer Zange und schieb es zügig und gerade bis zum Anschlag auf die Welle. Das Lager darf nicht verkanten. Du hast wenige Sekunden, bis es sich festsetzt.

  4. Andrücken bis zum Abkühlen

    Halte den Innenring mit einem Rohr passender Größe leicht gegen den Anschlag, bis das Lager abgekühlt ist. Es kann beim Schrumpfen sonst minimal von der Wange abheben.

  5. Gehäuse erwärmen

    Für den Außenring erwärmst du die Gehäusehälfte auf ähnliche Temperatur. Das Aluminium dehnt sich stärker als der Lagerstahl, und die Welle mit dem aufgezogenen Lager fällt fast von allein in den Sitz.

Werkstatt-Tipp

Ein Tropfen Wasser verdampft auf einem Lager mit 100 Grad sofort und zischt. So prüfst du die Temperatur ohne Thermometer. Bleibt der Tropfen liegen, ist das Lager noch zu kalt.

Wellendichtringe gleich mit tauschen

Die Wellendichtringe sitzen außen neben den Kurbelwellenlagern und trennen das Kurbelgehäuse von Zündung und Kupplungsraum. Sie halten den Unterdruck und Überdruck, den der Zweitakter im Gehäuse zum Ansaugen und Überströmen braucht. Ein undichter Ring zieht auf der Zündungsseite Luft und auf der Kupplungsseite Getriebeöl. Beides macht das Gemisch mager oder ölig.

Ist der Motor einmal offen, kommen neue Dichtringe rein. Auf dem Ring steht die Größe als Innen- mal Außendurchmesser mal Breite, zum Beispiel 20x30x7. Miss im Zweifel den alten Ring nach.

Beim Einbau achtest du darauf, dass die Dichtlippe zur Seite mit dem Druck zeigt, beim Kurbelgehäuse also nach innen zur Kurbelwelle. Fette die Lippe leicht ein und drück den Ring mit einer passenden Hülse gerade in den Sitz. Über Gewinde und Keilnuten der Welle schiebst du ihn mit Klebeband als Schutz, sonst ist die Lippe beschädigt, bevor der Motor läuft.

Zusammenbau und Kontrolle

Vor dem Zusammensetzen der Gehäusehälften prüfst du, ob die Kurbelwelle im Lager frei dreht und sich das Pleuel ohne Hakeln bewegt. Die Trennfuge reinigst du gründlich und bestreichst sie dünn mit Flächendichtmittel oder legst die vorgesehene Dichtung ein. Führ die Gehäusehälften gerade zusammen und zieh die Schrauben über Kreuz in mehreren Stufen an. Das Anzugsmoment für die Gehäuseschrauben steht im Werkstatthandbuch deines Fahrzeugs.

Danach dreh die Kurbelwelle am Stumpf. Sie muss leichtgängig und ohne Anlaufen rotieren. Das axiale Spiel stellst du mit Ausgleichsscheiben laut Werkstatthandbuch ein. Beim Wiederaufbau folgt der Kolbenwechsel, den der Ratgeber Kolben wechseln am Zweitakter beschreibt. Die Werte für Gehäuse- und Zylinderschrauben je Gewindegröße stehen in der Anzugsmomente-Tabelle.

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Häufige Fragen

Was bedeutet C3 beim Kugellager?

C3 steht für eine größere Lagerluft als normal. Kurbelwellenlager brauchen sie, weil der Innenring im Betrieb wärmer wird als der Außenring und sich stärker ausdehnt. Ohne C3 läuft das Lager warm zu stramm.

Kann ich das Lager mit einem normalen Abzieher abziehen?

Nur, wenn er am Innenring greift. Ein Abzieher am Außenring überträgt die Kraft über die Kugeln, zerstört das Lager und kann die Welle beschädigen.

Wie heiß darf das Lager beim Aufziehen werden?

80 bis 100 Grad reichen. Über 120 Grad leidet das Fett, und Dichtscheiben werden beschädigt. Heizplatte, Backofen oder Ölbad, kein offenes Feuer.

Wie lese ich die Lagernummer?

Die erste Ziffer ist die Bauart, die zweite die Maßreihe, die letzten zwei die Bohrung: 00 bis 03 stehen für 10, 12, 15, 17 mm, ab 04 rechnest du mal 5. Der Lager-Decoder auf eldi.de entschlüsselt die komplette Bezeichnung.

Muss ich die Wellendichtringe wirklich mit tauschen?

Ja. Der Motor ist offen, die Ringe sind billig, und ein alter Ring zieht Falschluft. Ein zweites Spalten des Motors wegen eines Dichtrings ist deutlich mehr Arbeit.